Die Lehre des Sanzibor


Als ein wandernder Heiler in ihr Dorf kommt, sieht Georgianna ihre einzige Chance gekommen, sich ihren tiefsten Wunsch zu erfüllen. Trotz aller Widerstände tritt die junge Elfe ihre Lehre an und reist mit dem Heiler durch das Land Gorrae. Sie versteht schnell, dass ihr Meister von einem alten Geheimnis gegeißelt wird, das wenig mit den Heilkünsten zu tun hat und die beiden von den Kerkern der Hexenstadt Behemoth bis in die nördlichsten Gebirge führt. Um ihrer Reise kein jähes Ende zu bereiten, muss er sich einer unerbittlichen Wahrheit stellen und Georgianna erkennt, dass auch ein Heiler nicht jeder Verletzung gewachsen ist. Wie soll sie ihre aufkeimenden Gefühle für ihn einordnen? Und kann sie trotz Todesgefahr und aller Zweifel ihren Traum erfüllen und Heilerin werden?

Hörprobe aus „Die Lehre des Sanzibor – Eine Geschichte aus Gorrae“

Gelesen von der Autorin.

Georgianna richtete sich auf und verschränkte die schmerzenden Arme. Sie wollte eine patzige Antwort geben und drauf hinweisen, dass dies eine gute Gelegenheit gewesen wäre, um etwas am unzuverlässigen Ruf der wandernden Heiler zu ändern. Doch ihr wurde klar, dass sie ihn zum zweiten Mal an diesem Tag um einen Teil seines Lohns gebracht hatte.

Die Lehre des Sanzibor – Eine Geschichte aus Gorrae
von leslie Meilinger

Herzlich willkommen auf meiner Seite!

Hallo, es freut mich, dass du auf meiner Seite vorbeischaust. Sie befindet sich momentan noch im Aufbau, du kannst dich aber gern schon mal umsehen. Hier findest du meine Kurzgeschichten, Blogartikel über meiner Arbeit als Autorin, Informationen über meine Bücher und andere kreative Arbeiten von mir. Viel Spaß!

Wie ich Ideen für mein Buch finde

Dieser Beitrag stammt aus einer Zeit vor meiner ersten Veröffentlichung, als ich am dritten Teil meiner Trilogie gearbeitet habe. Ich habe mich dazu entschlossen, ihn so zu lassen, wie er ist. Er wurde irgendwann 2019 geschrieben und 2020 hier hochgeladen.

Ich kann keine Geschichte am Computer planen, es kostet mich schon genug Nerven sie an einem zu schreiben. Dafür besitze ich einen ganzen Stapel Notizbücher. Außerdem habe ich seit zwei Jahren ein Whiteboard und davon möchte ich hier erzählen, weil mir damit bei Plot Problem die größten Durchbrüche gelingen. Das heißt, es geht hierbei nicht um den Plot eines gesamten Buches und das Finden einer Grundidee, sondern um größere Szenen oder mehrere Kapitel. Ich habe damit Teil drei meiner Fantasy Trilogie „über den Berg“ gebracht, als ich nach 150 Seiten eine heftige Schreibblockade hatte und sich Ratlosigkeit aufgrund der Handlung eingestellt hatte.
Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung ob diese Methode überhaupt eine richtige Methode ist. Ich wurde schon darauf hingewiesen, dass „Drei-Spalten-Methode“ nicht sehr literarisch klingt. Auch „Lückenbüßer-Methode“ wurde nur belächelt. Also ist es bis jetzt noch eine namenlose Vorgehensweise.
Darum geht es:

Ich zeichne drei Spalten auf mein Whiteboard. Links und rechts eine schmälere und in der Mitte eine breitere. Für jede Seite benutze ich eine andere Farbe.
Dann überlege ich, was ist eigentlich mein Problem? Je länger ich darüber nachdenke, desto eher finde ich eine ganze Menge an Probleme. Die werden alle auf die linke Seite geschrieben.

Wie kommt Person A nach Ort B?
Weshalb spricht Person X plötzlich Person Y an?
Warum zum Teufel sollte es mitten im Sommer schneien?

So schwer so gut. Wenn man sich bewusst gemacht hat, woran es eigentlich hakt, dann hat man schon den halben Weg hinter sich. Oder in diesem Fall ein Drittel.
Ich schreibe all meine Fragen in diese linke Spalte, ungefiltert wie bei einem Brainstorming.
Dann mache ich mir klar, was ich unbedingt haben will und schreibe es in die rechte Spalte. Es muss zu diesem Zeitpunkt noch keinen Sinn ergeben.

Person A muss an dem Tag schlechte Laune haben!
Person Y muss am Ende des Festes eingeschlafen sein.
Die Plätzchenbäckerei fliegt am Ende in die Luft.

Seine Wünsche aufzuschreiben fällt da meist leichter. Mir kommen auch beim Aufschreiben schon neue Idee über Szenen, die ich gerne in dem Buch haben möchte und notiere sie ebenfalls untereinander. Dann kommt der schwierigste Teil: die mittlere Spalte.
Wie finde ich eine Lösung der Probleme in der linken Spalte und erfülle gleichzeitig all meine Wünsche in der rechten Spalte?

Person A muss mit einem Luftschiff reisen und wird auf der Reise derartig seekrank, dass sie sich permanent übergeben muss. Person X sieht den schlafenden Y am Ende des Sommerfestes in einer Hängematte dösen und weckt ihn gerade noch rechtzeitig, bevor das Luftschiff die Plätzchenbäckerei rammt und diese in die Luft fliegt. Kokosflocken und Mandelsplitter rieseln auf die flüchtenden Gäste und ein betagter Herr in einem vorbeifliegenden Wetterballon meldet einen heftigen Schneeschauer.

Dieses Beispiel ist natürlich nur eine kurze Variante und selten lassen sich für Fragen und Wünsche eins zu eins Lösungen finden. Aber ich denke, die Funktion der mittleren Spalte wird deutlich. Sie ist im Grunde die „Füllung“. Die kann man nicht erzwingen. Entweder sie kommt, oder sie kommt nicht. Mir geht es meist so, dass mir irgendwann eine einzige Sache einfällt und dann platzen alle Knoten. Eines führt zum anderen und dabei hilft es mir, alles auf dem Whiteboard im Blick zu haben, während ich die mittlere Spalte runterschreibe. Dabei sortiere ich auch noch keine Ideen aus, ich muss erst mal alles in meinem Kopf loswerden.
Dann lehne ich mich zurück und sehe mir das vollgeschmierte Board an. Das muss erst einmal sacken. Einen Tag später schaue ich mir die Mitte genauer an und ergänze oder streiche Dinge mit einer vierten Farbe. Der Feinschliff. Diesen Schritt muss man auch nicht auf dem Whiteboard machen, aber ich mag es, alles darauf im Blick zu haben. Ich muss nicht fünf Notizbücher durchblättern, ich habe fünf Kapitel auf einem Board.
Alles was aufgeschrieben ist, ist für mich optional. Wenn ich davon überzeugt bin, schreibe ich es. Wenn ich es später nicht mehr mag, ändere ich es.
Das ist eine Einstellung, die ich anfangs nicht hatte und die mich in tiefe Schreibblockaden gestürzt hat. Da hatte ich so viel Energie in eine bestimmte Szene gesteckt und jetzt passte sie einfach nicht zu meinem gewünschten Verlauf. Also habe ich mir Tag um Tag den Kopf zerbrochen, wie ich den Verlauf der Geschichte dieser Szene anpassen konnte. Das ist genau falsch herum, zumindest wenn man wirklich vom Verlauf der Geschichte überzeugt ist. Die Szene wird einfach umgeschrieben.
Nichts was ich geschrieben habe ist in Stein gemeißelt. Seltsamerweise habe ich wirklich lange gebraucht, um zu erkennen, wie wandelbar mein Text ist und wie viel leichter mir die Ausarbeitung meiner Ideen fällt, wenn ich auch schon geschriebene Kapitel meiner neuen Idee anpassen kann.
So wird aus einer Aneinanderreihung vieler Ideen, eine große zusammenhängende.
Und wie bei einem Paar Schuhe das eingelaufen werden muss, wird der Text besser, wenn man ihn wieder und wieder liest, hinterfragt und verbessert. Während des Überarbeitens ist meine Hemmschwelle überschüssige Textpassagen zu löschen erheblich gesunken und so ähnlich geht es mir mittlerweile beim Aussortieren schlechter oder überflüssiger Ideen, auch wenn sie so gut zum bisher vorhandenen Text passen. Natürlich kann ich mich nicht von allen Ideen trennen, aber ich habe gelernt, nicht alles in meine Geschichte hineinzustopfen, was gerade meine Begeisterung erweckt. Und wenn ich doch unbedingt eine Szene loswerden muss, obwohl ich weiß, dass sie nicht zum Verlauf der Geschichte passt?
Dann schreibe ich sie trotzdem. In ein leeres Dokument ohne Vergangenheit und Zukunft, einfach nur die Szene, die mir gerade Spaß macht.
Manchmal fällt es mir danach ganz leicht, mich von der Idee zu trennen, aber manchmal finde ich auch beim Schreiben einen Weg sie doch zu verwendenden. Es wäre toll, wenn es eine bessere Anleitung für gute Ideen gäbe, doch zumindest meine machen einfach was sie wollen.
Sie überfallen mich manchmal, wenn ich sie herbei zwinge und ein Whiteboard anstarre, aber sie kommen auch, wenn ich mir hundemüde die Zähne putzen will.
Ich kann sie nur ein wenig sortieren und ausarbeiten.



© Leslie Meilinger 2020

Wie ich mein Manuskript überarbeite

Dieser Blogartikel stammt aus einer Zeit vor meiner ersten Veröffentlichung, als es mir sehr geholfen hat über das Schreiben zu schreiben. Ich habe mich entschlossen, ihn so zu lassen, wie er war. Er wurde irgendwann 2019 geschrieben und Anfang 2020 hochgeladen.

Mittlerweile habe ich mit Sicherheit mehr Zeit in das Überarbeiten meiner Fantasy Trilogie investiert, als in das Schreiben. Es ist schließlich nicht einfach, die eigenen Fehler zu finden. Mir haben folgende Tipps und Vorgehensweisen dabei wirklich weitergeholfen und ich habe sogar Spaß daran gefunden.

Pause machen:
Nach einem oder mehreren Monaten Pause, liest sich der eigene Text, wie von einer anderen Person. Ich habe bemerkt, welche Wörter ich grundlos besonders gern benutzt habe. Netterweise gibt es in allen Schreibprogrammen eine Funktion, um sich bestimmte Wörter anzeigen zu lassen. Mein unterbewusstes Lieblingswort war zu dieser Zeit „fast“.
Er sah fast so aus …
Es roch fast wie …
Ich fühlte mich fast
Seit ich mir das bewusst gemacht habe, nehme ich dieses Füllwort bewusster war und kann mich schon beim Schreiben zurückhalten.
„Fast“ war übrigens dicht gefolgt von „vielleicht“.

Ausdrucken:
Meinen Text auszudrucken, hat mir einen größeren Überblick verschafft. Ich muss sagen, dass ich froh bin meine gesamte Geschichte einmal ausgedruckt und durchgearbeitet zu haben, mir diese Methode jedoch nicht für alle Arten der Überarbeitung gefällt. Es hat mir sehr geholfen, als ich meinen Anfang umschreiben wollte. In jedem Schreibratgeber bekommt man schließlich gesagt, dass der Anfang sitzen muss. Ergibt Sinn, dachte ich und habe mir mal nur die ersten Sätze angeschaut. Hätte ich als kritischer Lektor oder anspruchsvoller Leser weitergelesen? Hm, Nein.
Man gesteht sich sowas oft nur mit Zähneknirschen ein, doch wenn man sich direkt an die Fehlerbehebung setzt, ist es halb so schlimm. Die ersten vierzig Seiten wurden ausgedruckt und auf zweiundzwanzig Seiten runtergekürzt. Überflüssige Infos wurden entfernt und ich habe die Einstiegsszene spannender gestaltet.

Testleser:
Testleser können am besten objektiv beurteilen, wenn sie einen nicht schon kennen, seit man Dreirad fahren kann. Ich habe meine beiden Testleser in einer Facebookgruppe gefunden und bekam umfangreiches Feedback, das mich wirklich weitergebracht hat. Zum Beispiel wurde ich drauf aufmerksam gemacht, dass ich zu einem bestimmten Schema neige, wenn eine neue Szene beginnt. Erst kam die gesamte Raumbeschreibung, dann die wörtliche Rede. Auch das hat mir die Augen geöffnet, ich habe einiges umgeschrieben (an diesen Stellen wenig gelöscht, tatsächlich viel geschoben) und kann auch hier wieder beim Schreiben späterer Texte profitieren.
Ich bin der Meinung, dass mir das intensive Überarbeiten von Teil eins und zwei geholfen hat, die Rohfassung von Teil drei direkt in einer höheren Qualität zu verfassen.

Schreibkurse:
Ich habe sowohl einen Online-Schreibkurs gemacht, als auch an einem ganztägigen Vortrag an einer Hochschule teilgenommen. Es werden Dinge benannt, die einen unterbewusst zwar gestört haben, die man aber nie wirklich greifen konnte.
Manchmal braucht man einfach jemanden, der einem sagt: „Das ist Infodump. Lösch das.“ Oder :„Das hast du schon vor drei Seiten erwähnt. Lösch das.“ Und plötzlich fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Ah, das ist Infodump. Deswegen stört mich diese Stelle.
Natürlich bemerkt man auch eine ganze Reihe Probleme, die einem vorher nicht als solche bewusst gewesen sind.

Buchmessen:
Mir persönlich hat der Besuch einer Buchmesse als Fachbesucher am meisten weitergeholfen. In Frankfurt war ich einen Tag, in Leipzig zwei Tage als Fachbesucher vor Ort und kann es nur empfehlen. Es werden allerlei Fachbegriffe erklärt, man kann Erfahrungsberichten von Autoren lauschen und erfährt andere allgemeine Dinge, die gut zu wissen sind. Es werden aber auch verschiedene Kurse angeboten, deren Inhalt sich konkreter an Neuautoren richtet. Man bekommt ein Gefühl dafür, welche Dinge gut ankommen und welche nicht. Außerdem fand ich es überwältigend, so intensiv in die Welt der Bücher einzutauchen und andere buchbegeisterte Menschen zu treffen. Mir hat es jedenfalls nach der Buchmesse in den Fingern gekribbelt, mich auf mein Manuskript zu stürzen und das Gelernte umzusetzen.

Lesen:
Das Überarbeiten bereitet mir so viel Freude, weil mir gute Texte einfach Spaß machen. Und den eigenen Text dabei zu begleiten, wie er immer besser wird, ist wunderbar.
Was man alles überarbeiten muss, hängt davon ab, wie weit man seine Geschichte schon geplant hat und wie erfahren man mit dem Schreiben ist. Wenn man irgendwelche umfangreichen, inhaltlichen Konflikte beseitigen muss, ist das kompliziert und frustrierend. Ich habe auch schon schlicht und einfach vergessen, dass bestimmte Dinge im Plot geschehen sind. Wenn ich mir mehrere Tage zum Überarbeiten nehme, dann lasse ich mir den ersten Tag zum Lesen frei und steige komplett neu in die Geschichte ein. Das hab ich besonders bei Teil drei benötigt, als es schon zwei ganze Bücher zu berücksichtigen gab. Beim Lesen mache ich mir oft Notizen, was ich noch verändern möchte, denn beim Überarbeiten kann man schnell einige Punkte aus den Augen verlieren. Man konzentriert sich auf die wörtliche Rede und vergisst ganz, dass man eigentlich auch nach den Füllwörtern schauen wollte. So kann man alle Dinge nacheinander machen und die Liste abarbeiten. Mir hilft die Liste aber auch, kleine Details in Erinnerung zu behalten. Wenn XY auf Seite sieben eine blaue Halskette trägt, weshalb nicht auf Seite vierhundert noch mal erwähnen, dass es so ist? Je nach Wichtigkeit der Information, mag ich diese Methode, um Details in der Geschichte zu vertiefen.

Kapitel:
Ein Punkt, den ich beim Überarbeiten nie mochte, war die Kapiteleinteilung. Ich bin selbst schuld daran, denn ich plane nicht in Kapiteln und schreibe auch nicht so. Es ist allerdings eine Menge Aufwand, die Kapitel nachträglich hinzuzufügen. Sie müssen halbwegs gleichmäßig sitzen und der Fließtext muss am Anfang und Ende des Kapitels umgeschrieben werden. Wenn es zu eurem Schreibstil passt, dann empfehle ich, die Kapitel direkt beim Schreiben zu setzen oder sie zumindest einzuplanen. Ich habe mir vorgenommen, das für mein nächstes Projekt mal auszuprobieren.



© Leslie Meilinger 2020

Der besondere Wasserdrache

Ilmir sieht den anderen Drachen nach und schnieft. Eine Strömung kalten Wassers erfasst ihn und er muss niesen, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Zum dritten Mal in diesem Monat ist er so erkältet, dass er seinen siebzehn Geschwistern nicht auf ihre Entdeckungsreise durch die tieferen Schluchten folgen kann. Alleine schwimmt er zwischen den Korallen entlang, im Riff, wo das Wasser wärmer ist. Er kennt einen erholsamen Ort, ein hochgelegenes Schiffswrack, auf dessen Mast er der Wasseroberfläche nahe sein kann. Wenn er krank ist, lässt er sich gerne die Sonne auf die glänzenden Schuppen fallen. Ilmir schlängelt sich zwischen einer Riesenmuschel und einem zerklüfteten Felsen hindurch, bevor er über ein weites Sandfeld auf das gesunkene Schiff eines Entdeckers, die Antoinette, zusteuert. Unter ihm kreuzt ein Schwarm Sardellen seinen Weg und er kann seinen langgezogenen Schatten sehen. Ilmir betrachtet seinen Schatten nicht gerne, denn er erinnert ihn daran, dass er anders ist, als die anderen Drachen. Seine Geschwister sind wendig, kräftig und schillern in allen Farben des Regenbogens. Er hingegen ist lang und sehnig und besitzt nicht eine farbige Schuppe. Sein weißer Körper speichert kaum Wärme und er ist der einzige weit und breit, der sich ständig erkältet und eine Luftblase um den Kopf tragen muss, um sich nicht pausenlos am Wasser zu verschlucken.
Seinen Geschwistern ist das egal, sie lieben es, sich an dem langen Rumpf und den drahtigen Flügeln ihres großen, kleinen Bruders festzuhalten, damit er wie ein Geschoss mit ihnen durch die Strömung wirbeln kann. Ilmir liebt seine Familie, doch in Momenten wie diesem ist er einsam.
Das alte Schiffswrack knarzt und ächzt, als sich der große Drache um den Hauptmast herumwickelt, auf der Suche nach einer bequemen Position.
Langsam dringen die wärmenden Sonnenstrahlen zu ihm durch und Ilmir beobachtet die Fische. Sicher, auch sie sehen nicht alle gleich aus. Einige sind bunt gestreift und kurz. Andere sind glänzend grau und lang. Doch sehen sich die meisten Fische in einem Schwarm ähnlich.
Traurig seufzt der Drache und muss so heftig niesen, dass der Schiffsmast sich bedrohlich weit nach hinten biegt.
„Hier bist du also, mein Sohn.“
Sein Vater, ein grünblauer Drache mit gelben Augen und kräftigen Schwimmhäuten gesellt sich zu ihm, lässt sich jedoch lieber auf dem algenbewachsenen Deck des Schiffes nieder. Sein Gewicht hätte den maroden Mast sicherlich zum Einsturz gebracht.
„Ich bin erkältet, darum konnte ich den anderen nicht folgen“, erklärt Ilmir. Sein Vater schweigt und zusammen beobachten sie eine Delfinschule, die in weiter Entfernung durch das Wasser pflügt.
Auch sie sehen sich alle zum Verwechseln ähnlich.
„Weshalb bin ich nicht wie die anderen Drachen, Vater?“
Oft schon hat der weiße Drache diese Frage gestellt.
„Weil du kein Wasserdrache bist“, bekommt er zur Antwort. Das hat er freilich noch nie gehört.
Ilmir schnaubt beunruhigt und schlägt mit den großen, nutzlosen Flügeln.
„Kein Wasserdrache? Was bedeutet das?“
„Das wusste ich anfangs auch nicht. Du kamst an einem stürmischen Tag zu uns, als die Wellen hoch schlugen und die Strömung uns alle auseinandergetrieben hatte. Nach und nach habe ich meine Söhne und Töchter gesucht und sie wiedergefunden. Dann sah ich einen kleinen weißen Drachen, der langsam und reglos wie Treibgut zu Boden sank. Auch den habe ich mit in unsere schützende Höhle genommen, denn der Sturm hat noch Wochen angedauert.“
Sein Vater macht eine Pause und Ilmir niest laut und heftig.
„Ich bin also nicht dein Sohn?“, fragt er dann so leise, dass das Meer seine Worte beinah davon schwemmt.
„Von da an, warst du es. Und das wirst du auch sein, wenn du dich entscheiden solltest, das Wasser zu verlassen.“
Der große, blaugrüne Drache hat den Blick abgewandt und Ilmir fragt sich, was er sonst in dessen Augen gesehen hätte.
„Ich habe noch nie gehört, dass ein Drache das Wasser verlassen hat“, sagt er, noch immer mit leiser Stimme.
„Wir sind Wasserdrachen. Wir können es nicht. Aber du, mein Sohn, du bist ein besonderer Wasserdrache. Ich weiß, du kannst es. Und du bist jetzt alt genug.“
Ilmir ist sich da nicht so sicher. Mit seinen dreihundertachtundachtzig Jahren fühlt er sich in diesem Moment klein und hilflos und er will plötzlich nicht mehr hören, weshalb er anders ist.
Ein weiteres Niesen erschüttert ihn und er schwimmt los. Aufgewühlt schlängelt er sich dicht am Meeresgrund vorbei, wobei er Unmengen an Sand und Muscheln umherwirbelt, sowie eine Gruppe Krebse aufschreckt. Kein Wasserdrache?
Was ist er dann bloß? Ist er überhaupt ein Drache?
Ilmir muss es wissen. Er stößt sich mit seinen kurzen Hinterläufen vom sandigen Grund ab und schießt wie ein Raubfisch auf die Oberfläche zu. Nie zuvor hat er das getan. Nie zuvor ist ihm der Gedanke gekommen, das Wasser zu verlassen, denn das tun die anderen Drachen auch nicht.
Aber jetzt kann er die wenigen Sekunden kaum noch abwarten, während die wogende Wasseroberfläche näher und näher kommt.
Platsch!
Wie ein ausbrechender Geysir erhebt sich der weiße Drache aus dem Meer und schraubt sich in einer Spirale aus Gicht in die klare Seeluft hinauf.
Reflexartig spannt er die durchscheinenden Flügel, die ihm unter Wasser nie etwas genutzt haben, spürt, wie die Windböen diese aufblähen und ihm Auftrieb verleihen. Ilmir gibt einen langgezogenen Laut der Freude von sich, als er fühlt, wie natürlich sich sein langer Körper und die großen Flügel zum Dahinschweben eignen. Höher und höher fliegt er und gleitet geschmeidig in einen Berg aus aufgetürmten Wolken hinein, die er sonst nur aus dem Wasser erahnen konnte. Sonderbare Tiere ziehen hier ihre Kreise und mit Staunen stellt der Drache fest, dass auch sie Flügel besitzen und sich spielend leicht durch die Luft bewegen. Aufregung durchströmt ihn und er nähert sich ihnen.
Sind sie vielleicht ebenfalls Drachen?
Drachen, die so sind wie er?
Eines der gefiederten Geschöpfe entdeckt das sich nähernde, riesenhafte Wesen, klappt den gebogenen Schnabel auf und stößt in Panik einen heiseren Schrei aus. Ilmir gerät vor Schreck ins Trudeln, die gefiederten Tiere reißen ihre Flügel um und wenden sich in einer scharfen Linkskurve und lauthals schreiend von ihm ab. So schnell sie können flüchten sie vor dem weißen Drachen und dieser sieht ihnen enttäuscht nach. Scheinbar haben sie Angst vor ihm.
Nachdenklich spannt er die Flügel zu einem gemächlichen Sinkflug und schwebt aus den Wolken hinaus. Hier scheint die Sonne ungefiltert und der Drache genießt für einen Moment die Wärme, die so viel intensiver ist, als unter Wasser. Doch hier oben ist es leer.
Hier gibt es keine bunten Fische und Delfine.
Es gibt auch keine Schiffswracks zu erkunden. Das fehlt ihm.
Ilmir überlegt, wie er sich an dem endlos weiten Himmel und dem ebenso endlos weiten Meer orientieren soll, als er in den Lüften über ihm etwas entdeckt.
Ein leises Tuckern dringt an seine Ohren und er sieht ein gedrungenes Gebilde, das dunkle Dampfwolken ausspeit und sich mit ruckelnden Bewegungen vorwärts quält. Es kommt nicht im Geringsten so elegant voran wie er selbst oder das schreckhafte Federvieh.
Der Drache nähert sich dem Objekt dieses Mal mit mehr Vorsicht, auch weil es bedeutend größer ist, als im ersten Moment vermutet. Den Schatten dieses Gefährtes kennt er und das Geräusch hört man gelegentlich unter Wasser, wenn auch nur gedämpft.
Ilmir erkennt, dass sich kleine Gestalten auf dem Gefährt bewegen, sie laufen in Hast auf und ab. Das dampfende Gerät scheint ihnen als Transportmittel zu dienen, doch es ist in erhebliche Schieflage geraten. Der weiße Drache sieht, dass sich eine der metallisch glänzenden Schnüre gelöst hat, nun wild im Wind tanzt und die Gondel des Luftschiffes dadurch aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Ein lautes, plötzliches Niesen erschüttert den Drachen und lässt ihn ein Stück nach unten sacken.
Schreie ertönen am Himmel, die Luftreisenden haben ihn entdeckt. Doch sie können sich nicht abwenden, sie haben keine eigenen Flügel. Ilmir hat Mitleid mit ihnen und möchte sich für den Schrecken entschuldigen, den er ihnen bereitet hat. Doch je näher er kommt, desto schneller laufen sie an den goldenen Geländern entlang und desto lauter rufen sie.
Dann sieht er es.
Ein verblüffend kleines Exemplar eines Luftreisenden, das sich nur mit einer winzigen Gliedmaße an einer metallischen Schnur festklammert und aus vollem Hals schreit. Es hat keine Krallen, stellt der Drache fest. Es wird fallen.
Fallen. Hinab. Ins Meer.
Der Drache schnellt nach vorn, als sich die Fingerchen des Luftreisenden lösen und es fällt.
So tief. So weit. Hinab ins Meer.
Ilmir spürt diesen Schmerz tief in seinem eigenen Herzen und er schreit, als er denkt, er würde es nicht schaffen. Doch da sind sie. Die Finger, die sich an ihm festklammern.
Das Kind sitzt direkt auf seiner langgezogenen Schnauze und schaut mit aufgerissenen Augen in seine. Dunkle Haare tanzen um es herum, wie Seegras im Sturm und Ilmir kann sich nicht entsinnen, ob er zuvor schon etwas so winziges gesehen hat. Es wäre einfach verschwunden, im tiefen Meer.
Der Drache weiß, dass es nicht so viel Glück gehabt hätte, wie er an jenem stürmischen Tag. Als er die vertraute Berührung auf seinen glatten Schuppen spürt, wird ihm alles so klar, dass sein Inneres schmerzt.
Er setzt das kleine Exemplar in den ausgestreckten Armen eines größeren ab und stellt sich vor, wie ihn sein eigener Vater aufgefangen hat.
Sein Vater, der da unter der Wasseroberfläche ist. Wo seine Geschwister sind, die sich immer liebevoll an ihn geklammert haben. Wo es bunt ist und wo er zu Hause ist.
Ich bin froh, dass ich gefallen bin, denkt der besondere Wasserdrache, als er ein Runde um das Luftschiff dreht, um die lose Kette an ihren Platz zurückzuziehen.
Die Luftreisenden hüpfen auf und ab und rufen Dinge, die der Drache nicht verstehen kann. Ein Luftreisender bin ich auch, denkt er, während er dabei zusieht, wie sich die Lage des eigentümlichen Gefährtes in den Wolken wieder stabilisiert.
Dann dreht er von dem ruckelnden Luftschiff ab und holt zu einigen kraftvollen Flügelschlägen aus.
Er will heimkehren und hat nie eine so tiefe Dankbarkeit in sich gespürt, wie in diesem Moment. Die Sehnsucht nach seinem zu Hause ist ein so viel besseres Gefühl, als die Einsamkeit.
Die Einsamkeit, die ein Trugbild gewesen ist. Die nie wirklich existiert hat.
Vielleicht kann er nicht jeden Tag mit seinen Geschwistern unter Wasser mithalten. Doch dafür kann er ihnen jetzt unglaubliche Geschichten von gefiederten Wesen und glänzenden Gondeln erzählen. Ilmir hofft, dass sie ihm nicht böse sind.
Platsch!
Er taucht ein in die Welt, die ihm vertraut ist. So schnell er kann, saust er an den Korallen, den Fischschwärmen, den Riesenmuscheln und dem Wrack der Antoinette vorbei.
Sie warten auf ihn und stoßen vor Aufregungen schwallweise Luftblasen auf, die um ihn tanzen, als er zurückkehrt.
Sie haben geglaubt, er wäre gegangen. Der weiße Drache beruhigt sie und drückt sie mit seinen Flügeln an sich. Er ist vielleicht kein ganzer Wasserdrache, doch er ist ihr ganzer Bruder und wird immer zu ihnen zurückkommen.
Der weiße Drache niest laut und einer der kleineren Drachen wird in einem Strudel Luftblasen ein Stück nach oben gewirbelt. Er rudert begeistert mit seinen schillernden Schwimmhäuten und tut so, als würde er auf ein dampfendes Luftschiff zufliegen.
Sicher wird er sie einmal mit nach oben nehmen.
Ilmir sieht in die gelben Augen seines Vaters, des Drachen, der ihn aufgefangen hat.
„Danke, dass ich gehen konnte. Danke, dass ich wiederkommen durfte.“




© Leslie Meilinger 2019

Hannibal und die Schlange

Bis zum Drachenfelsen war es noch ein guter Tagesmarsch. Hannibal sah zu der kahl aufragenden Bergspitze, schirmte mit einer Hand seine Augen vor der Morgensonne ab und griff mit der anderen in die Manteltasche, um seinen Proviant zu greifen. Herzhaft biss er in den Apfel und wanderte los, die Chemikalien auf seinen Rücken geschultert.
Es wird Zeit, dass jemand eine Brücke über das Schiefertal hinauf zum Berg spannt, dachte Hannibal, während er achtsam einen Fuß vor den anderen setzte. Eigentlich war die Gegend des Landes vorzeigbar ausgebaut, doch war das zerklüftete Tal um den Drachenfelsen herum lange unangetastet geblieben. Immerhin hatte hier noch vor drei Generationen ein Drache gelebt. Der Letzte des ganzen Landes, so hatte es zumindest Hannibals Großmutter erzählt.
Und ausgerechnet in der ehemaligen Höhle dieses Drachen musste der Alchemist Igor sein Labor aufschlagen. Er behauptete, die Energie des einstmaligen Bewohners würde ihm besonders feurige Gedankenblitze bereiten. Hannibal glaubte, dass der Alchemist einfach etwas für die Extravaganz dieses Ortes übrig hatte und verfluchte ihn heimlich für seine Wohnortwahl.
Nicht nur der Berg war schwer zu erklimmen, das Schiefertal selbst barg einige Tücken. Man durfte sich keinesfalls von einem umherfliegenden Papagei ablenken lassen, sonst stürzte man in die todbringenden Felsspalten und konnte nur hoffen, dass man sich beim Fall das Genick brach. Sonst musste man da unten qualvoll verhungern.
Hannibal kannte das alles schon, doch noch nie hatte einer der Aras versucht, ihm sein Essen zu stehlen. Im Augenwinkel sah er einen gelb-roten Blitz herbei schießen, er vernahm einen Triumphschrei und der Vogel hatte seinen halb verspeisten Apfel erbeutet.
Hannibal ruderte verzweifelt mit den Armen und spürte, wie seine Stiefelsohlen über den glatten Schieferstein rutschten. Er stieß einen heiseren Schrei aus und dann fiel er in die Tiefe.
Alle seine Knochen würden brechen, seine Chemikalien würde in die Luft fliegen und er würde niemals nach Hause zurückkehren.
Wumpf!
Der Aufprall presste die Luft aus seinen Lungen, ließ seinen Kopf vibrieren und er biss sich fest auf die Zunge. Aber das war es.
Keine scharfkantigen Felsen durchbohrten seine Haut, keine Knochen zerbarsten und kein Blut umströmte ihn.
Hannibal war auf etwas Weichem gelandet. Obwohl, weich war die falsche Bezeichnung. Er war auf einer rauen Oberfläche gelandet, die jedoch so elastisch war, dass sie seinen metertiefen Sturz abgefangen hatte. Der Junge legte den Kopf in den Nacken und blinzelte benommen gen Himmel, der plötzlich so weit entfernt war, als läge er auf dem Grund eines tiefen Sees.
Einen Moment lang hielt er inne und versuchte zu begreifen, was ihm geschehen war. Dann erst bemühte er sich auf seine Beine. Langsam gewöhnten sich Hannibals Augen an das schummrige Dämmerlicht hier unten, seine Lungen füllten sich mit kalter, mineralischer Luft und er musste die Arme ausstrecken, um auf dem wackeligen Untergrund nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Was war ihm passiert? Wo war er hier gelandet?
Am ganzen Leib zitternd und mit der größten Vorsicht, die er trotzdem aufbringen konnte, löste Hannibal das Bündel auf seinem Rücken und hielt es vor sich, um es auf Schäden zu prüfen. Wenn Meister Igors spezielle Senfölmischung ausgelaufen wäre, konnte er sich auch direkt zum Sterben hinlegen. Doch wie durch ein Wunder wies seine Ausrüstung, außer einigen zerbeulten Gefäße, keinerlei Schäden auf. Der Junge atmete tief durch.
Er lebte noch. Erleichterung wollte sich trotzdem nicht so recht einstellen und er versuchte, etwas von seiner näheren Umgebung zu erkennen. Die Schieferfelsen türmten sich in alle Himmelsrichtungen und er vernahm das leise Tropfen von Wasser. Gut. Verdursten musste er schon mal nicht. Hannibal machte einen bedächtigen Schritt vorwärts und sank bis zu den Knöcheln in dem elastischen Untergrund ein. War es eine alte Plane oder vielleicht Segeltuch?
Er ging in die Knie, um noch einmal aufmerksam seine Fingerkuppen darüber streifen zu lassen. Erschrocken zuckte er zurück. Das fühlte sich an wie … wie die alte Drachenhautschürze, die Meister Igor immer trug. Nur nicht so abgenutzt. Und deutlich wärmer.
Bewegung kam in den Untergrund und Hannibal stieß ein angsterfülltes Stöhnen aus. Das konnte doch nicht wahr sein. Krallen kratzten spitz über die Felsen, ein tiefes Schnauben ertönte und die Temperatur wechselte schlagartig in glutnestähnliche Höhen.
Dann klappte der Drache seine Augen auf und es war, als wären zwei riesige blutrote Sonnen in einer sonst schwarzen Welt erschienen.
Hannibal ging in die Knie und reckte seine Hände nach oben.
„Friss mich nicht, oh werter Drache! Ich versichere dir dass kein Mensch schmeckt, der mit Senföl, Schwefel und anderen alchemistischen Substanzen garniert ist!“
Der Drache schnaubte und ein feuchtwarmer, entsetzlich stinkender Atemzug ließ dem Jungen die Haare zu Berge stehen. Nach einer Weile wagte er es wieder hinzusehen und sah in die Augen des Drachen. Seltsam milchig spiegelte er sich in den roten Iriden und wusste nicht was er tun sollte.
Das Monster machte keine Anstalten ihn zu verspeisen, doch Hannibal war alles andere als beruhigt.
Langsam gewöhnten sich seine Augen an das fahle Licht und ihm offenbarte sich ein so gigantischer Drache, dass er schwindelig zu Boden sank. Oder besser gesagt, er sank auf dem ausgebreiteten Drachenflügel nieder, auf dem er gelandet war.
Dieses Geschöpf musste mehrere hundert Jahre alt sein und seit Ewigkeiten hier unten liegen. Wie konnte ein Wesen von dieser Größe unbemerkt bleiben?
Der Drache blinzelte. Erst mit dem linken, dann mit dem rechten Auge.
Er schien sich nicht für Hannibal zu interessieren und machte Anstalten seinen Kopf in Größe einer Kathedrale wieder auf seine Vorderläufe zu legen.
„Hast du nicht vor mich zu fressen?“ Hannibal wollte sich da lieber ganz sicher sein.
Wieder schnaubte der Drache langgezogen.
„Nein“, antwortete er dann mit einer rauchigen Stimme, die lange nicht mehr benutzt worden war.
„Und weshalb?“
„Du bist so winzig, dass ich dich nicht sehen kann. Du würdest meinen Hunger nicht stillen.“
Dem Jungen lief es bei diesen Worten kalt den Rücken hinab und doch fand er es recht großzügig von dem Drachen, ihn zu verschonen. Wenn er es auch nur aus Bequemlichkeit tat.
Hannibal zögerte. Er wollte sein Glück nicht weiter herausfordern, andererseits hatte er kaum eine Chance, dieser Situation zu entkommen.
„Gibt es einen Weg nach oben? … Außer dem offensichtlichen, den ich ohne Flügel nicht bestreiten kann?“
„Nein.“
Hannibal ließ hilflos die Arme sinken, während der Drache sich endgültig von ihm abwandte. Das konnte es nicht gewesen sein. Doch dem Drachen war es gleichgültig, dass ein Menschenjunge sein Versteck gefunden hatte und legte den Kopf auf seine Vorderkrallen, die auf einem großen Felsen ruhten.
„Ich verstehe nicht, was du hier unten machst. Warum bist du seit Jahren nicht mehr oben gewesen?“
Er bekam erneut ein Schnauben zur Antwort. Der Junge wünschte, er würde das unterlassen. Jedes Mal umströmte ihn die Hitze und der Gestank beißender als zuvor. Bald wäre er sicher daran erstickt.
„Ich bin gestürzt“, antwortete der Drache, als Hannibal längst nicht mehr damit gerechnet hatte.
„Wann?“, fragte der Junge verblüfft.
„Vor fast einem Jahrhundert.“
„Und … weshalb bist du nicht wieder hinausgeflogen?“, fragte er langsam und überlegte, ob er etwas Offensichtliches übersehen hatte. Was hielt eine Kreatur dieser Größe und Feuerkraft von irgendetwas ab?
„Ich bin blind“, antwortete der Drache und seine Stimme hatte sich verändert. Kurz befürchtete Hannibal, er würde wütend werden. Aber dann glaubte er zu verstehen, dass der Drache wehmütig klang. Etwas an diesem riesigen Wesen berührte den Jungen und er setzte sich behutsam in den Schneidersitz.
„Ich habe mich gar nicht richtig vorgestellt, oder? Ich bin Hannibal von Südsee und gehe bei einem Alchemisten in die Lehre. Hast du einen Namen?“
Minutenlang musste er auf eine Antwort warten. Vielleicht war der Drache nicht nur blind, sondern hatte auch eine Hörschwäche. Bei seinem Alter wäre das kaum verwunderlich.
„Man nennt mich Schlange.“
„Ah“, machte Hannibal und fragte sich wem dieser unpassende Name eingefallen war. „Ich würde gern deine Geschichte hören, Schlange.“
Der Drache kam erneut in Bewegung und wieder flammten die roten Augen auf. Hannibal konnte dieses Mal deutlicher den milchigen Schleier erkennen und doch schrumpfte er unter dem suchenden Blick des Drachen. Er konnte nun den massigen Hals seines Gegenübers, die kreisrunden Nasenlöcher und die wild geschuppte, schwarzrote Haut erkennen. Je länger er den Drachen ansah, umso deutlicher wurde ihm sein Alter. Seine Haut war mit Narben und Kratern überzogen und die Hörner auf seiner Stirn waren deutlich verschlissen und kantig.
„Du willst die Geschichte der Schlange hören?“
„… Ja.“
„Ich war auf dem Weg zu den Vulkanen im Süden, als mich ein alchemischer Angriff traf und ich in dieses Tal stürzte.“
Hannibal lief es kalt den Rücken hinab, obwohl dem Drachen bei jedem Wort glimmende Rauchwolken entwichen und er mehr und mehr Hitze ausstrahlte.
Ein Alchemist hatte den Drachen vom Himmel geholt? War er deshalb erblindet?
Und obwohl Hannibal von seiner alchemistischen Lehre gesprochen hatte, sah die geschuppte Kreatur noch immer nicht so aus, als trachtete sie ihm nach dem Leben.
Dadurch fühlte sich der Junge fast noch schlechter, als wenn der Drache ihn für sein Schicksal verantwortlich gemacht hätte.
„Aber … warum bist du nicht wieder hinaufgeflogen. Später. Irgendwann. Du hättest nicht mal fliegen müssen. Du könntest mit Leichtigkeit aus diesem Loch herausklettern.“
Die Schlange schwieg und senkte den Kopf. Es dauerte einen Moment, bis Hannibal verstand, was der Drache ihm damit bedeutete. Die schuppenbesezte, kantige Schnauze berührte für einen kurzen Moment den Felsen, auf dem die Vorderläufe ruhten.
Doch es war kein Felsen. Es war ein grau geflecktes Drachenei. Dem Jungen verschlug es die Sprache und langsam begann er zu verstehen.
„Deshalb warst du auf dem Weg nach Süden?“
„Ja.“
Dracheneier brauchten Wärme. Immense Wärme.
Und selbst wenn Schlange, die offenbar ein Weibchen war, aus diesem Schiefertal entkommen wäre, hätte sie ohne ihr Augenlicht doch nie den Weg um den halben Erdball bewältigen können. Dazu mit einem Ei beladen, so schwer wie ein Elefant.
„Wenn du dein Augenlicht noch hättest, würdest du es zu den Vulkanen schaffen, damit das Ei ausgebrütet werden kann?“
„Ja.“
„Dann werde ich dir helfen.“ Hannibal sprach, bevor er sich überhaupt Gedanken gemacht hatte, wie er das anstellen wollte. Er war plötzlich wütend. Wütend auf das, was diesem Drachen passiert war.
Schlange hatte sein Leben gerettet und ihn nicht verspeist. Und sie saß seit hundert Jahren hier unten, weil sie ihr Ei nicht verlassen, es aber auch nicht fortbringen konnte.
„Du kannst mir nicht helfen. Mein Augenlicht ist fort.“
„Ein Alchemist hat dir das angetan. Das ist nicht gerecht und ich werde dafür sorgen, dass ein Alchemist es wieder gutmachen kann. Meister Igor ist ein komischer Kauz, aber er hat das Herz am rechten Fleck und er würde keinem Drachen je etwas zuleide tun.“
Schlange schwieg. Sehr lange. So lange, dass Hannibal unruhig wurde.
Sie war seine einzige Chance, hier herauszukommen. Nur wenn sie sich entschloss, ihm zu helfen, konnte er sich aufmachen um ihr zu helfen.
„Du musst mich mit deinem Flügel hochheben“, sagte er vorsichtig, als er sich sicher war, dass sie nicht antworten würde. „Dann werde ich einen oder zwei Tage unterwegs sein. Es kann auch länger dauern, wenn Meister Igor eine Lösung für dich finden muss. Aber ich werde zurückkommen, das verspreche ich.“
Wieder hatte er das Gefühl, als versuchte der Drache ihn mit seinen blinden Augen zu sehen. Ihre Schnauze war so nah an ihm, dass seine Haut vor Hitze schmerzte.
„Abgemacht.“
Noch bevor Hannibal sonst etwas sagen konnte, bewegte Schlange ihren Flügel aufwärts und er landete auf seinem Hinterteil. Der Himmel kam näher und näher, die Luft wurde wärmer und zeitgleich frischer. Er hätte gerne mehr zu ihr gesagt, um ihr zu beweisen, dass es ihm ernst war, doch da wurde der Winkel des Drachenflügels steiler und Hannibal konnte sich gerade noch daran festklammern. Seine Füße verloren jeden Halt und einige Momente baumelte er hilflos über der Schlucht, bis Schlange ihren Flügel ein wenig senkte und den Jungen auf einem größeren Vorsprung absetzte. Einen kurzen Moment lang konnte er die mitgenommen aussehende Spitze des Flügels im Tageslicht sehen. Obwohl er von der Helligkeit geblendet war, erkannte er die zahllosen winzigen Löcher in der staubigen, abgewetzten Drachenhaut, bevor Schlange den Flügel wieder in der Höhle verschwinden ließ.
Das er noch immer am ganzen Körper zitterte, merkte Hannibal erst, als er versuchte vorwärtszukommen. Es hatte keinen Zweck. Er musste eine Stunde Pause einlegen, sonst wäre er direkt in die nächste Schieferspalte gestürzt.
Aber als er dann seinen Weg fortsetzte, war er entschlossen. Er machte keine weitere Pause, legte sich nicht zum Schlafen hin, als es Nacht wurde und er den Aufstieg auf den Berg begann. Sein Herz klopfte so schnell, dass er sicher nicht hätte schlafen können.
Trotzdem merkte er den beschwerlichen Weg in jedem einzelnen Knochen, als er vor der eisernen Tür des Alchemisten stand. Mit zitternden Fingern tastete Hannibal nach dem Schlüssel und versuchte sich in der Dunkelheit Zutritt zu verschaffen.
Meister Igors Labor war ein seltsamer Ort. Die alte Drachenhöhle hatte derartige Ausmaße, dass man eine ganze Stadt darin hätte unterbringen können. Und doch hatte der Alchemist es ganz allein geschafft, nahezu jeden Winkel der Steinwände mit Formeln, Skizzen und Mondphasen zu bezeichnen. Von der Decke hingen Glasscheiben in allen erdenklichen Größen und Farben, sowie getrocknete Kräuter und ein verformter Kerzenleuchter. In der Mitte brannten verschieden Feuer unter Kesseln und Reagenzgläsern und ein rhythmisches Zischen erfüllte die ganze Höhle.
„Junge, ich habe schon befürchtet, ein Geist hätte dich geholt oder du wärst ins Schiefertal gestürzt.“
„Das bin ich, Meister. Ich bin in eine Felsspalte gefallen.“
Der irrwitzig hoch gewachsene Mensch drehte sich zu seinem Lehrling um und musterte ihn kritisch durch zwei dicke Brillengläser.
„Willst du mich verulken, Junge?“
„Ihr glaubt nicht, was mir dort unten begegnet ist!“
Hannibal streifte sein Gepäck ab und streckte seinen schmerzenden Rücken durch.
„Hast du das Senföl?“
„Ja, natürlich.“
„Und den Zink und die anderen Mineralien?“
„Ja, alles hat den Sturz unbeschadet überstanden. Ich übrigens auch“, bemerkte Hannibal und war regelrecht enttäuscht über das mangelnde Interesse seines Lehrmeisters. Der Alchemist gluckste und hängte eine Kanne Wasser über das Feuer.
„Es klingt fast so, als hättest du mir eine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Lass mich nur erst den Tee aufsetzen.“
Ungeduldig wippte der Junge auf seinen Ballen auf und ab, während er wartete, bis Igor Tee gemacht und alle neuen Materialien sorgfältig verstaut hatte. Dann bekam er eine dampfende Tasse Hagebuttentee gereicht und mit einem Blick die Erlaubnis, endlich zu erzählen.
Hannibal kam es so vor, als würde er von einem jahrelangen Abenteuer berichten, dabei war er nicht sehr lange bei dem Drachen gewesen.
Doch Schlange hatte ihn nachhaltig bewegt. Ihr ganzes Dasein und die Tatsache, wie nah er ihr immer schon gewesen war, auf seinen Streifzügen durch das Schiefertal.
Meister Igor lauschte stumm, nippte an seinem Tee und starrte durch seine dicken Brillengläser vor sich hin.
„Ein blinder Drache, sagst du?“
„Ja, ein blinder Drache mit einem Ei und einer Aufgabe“, betonte Hannibal.
„Nun ja … Das ist eine abenteuerliche Geschichte mein Freund.“
„Ihr glaubt mir nicht?“
„Doch, selbstverständlich. Die Leute nennen mich einen Spinner. Wenn ich dir nicht glauben sollte, wer dann?“
Hannibal wusste nicht was er darauf antworten sollte und sah seinen Meister hilflos an.
„Können wir ihr helfen?“
Er hatte ihr sein Wort gegeben, ohne sich sicher gewesen zu sein. Igor ließ sich mit seiner nächsten Antwort so quälend viel Zeit, dass er ihn an den Drachen selbst erinnerte.
Der Alchemist war im ganzen Land bekannt für seine Fähigkeit, aus Glas Sehhilfen anzufertigen, mit einer einmaligen Mischung aus Handwerk, Magie und Alchemie. Doch konnte er einem Erblindeten sein Augenlicht wiedergeben?
Er seufzte, nahm seine Brille ab und rieb sich über die müden Augen. Dann sah er Hannibal an und lächelte mild.
„Es wird eine Herausforderung. Aber ich denke, wir können deiner Drachendame mit ihren Augen helfen.“

Auf dem Rückweg zu Schlange, drei Tage später, wäre Hannibal um ein Haar in eine andere Felsspalte gestürzt. Seine Gedanken waren unkonzentriert, er schleppte schweres Gepäck und er war übermüdet. Er wollte zurück zu dem Drachen. Ihr Schicksal brannte in seinem Herzen und als er den Drachenfelsen verlies wusste er genau, dass er kein Alchemist werden würde. Er würde ihr eines Tages in den Süden folgen, wo die letzten Drachen lebten und dafür sorgen, dass sie dort in Sicherheit waren.
„Schlange?“
Hannibal war sich sicher, dass er die richtige Felsspalte gefunden hatte, doch er wollte lieber nichts riskieren. Am Ende hatte sie ihren Flügel nicht ausgespannt und er starb beim Absturz.
Er wartete ungeduldig, doch dann konnte er in der schwarzen Tiefe ein Bewegung ausmachen und ein alter, von Staub bedeckter Flügelteil kam in Sicht. Sie hob ihn nicht bis nach oben an die Kante, aber hoch genug, dass er der Junge furchtlos hinaufspringen konnte.
Diesmal trug er auch kein explosionsgefährliches Material bei sich.
Hannibal hatte sich vorsorglicherweise einen längeren, feuerfesten Mantel von Meister Igor geliehen, denn er hatte festgestellt, dass die feinen Haare auf seinen Armen vom Atem des Drachen versengt waren. Und seine Rettungsaktion sollte nicht damit enden, dass er doch noch versehentlich in Flammen aufging.
Schlange senkte ihren Flügel langsam in die Tiefe und erst jetzt, wo er die Strecke nicht innerhalb einer Sekunde erlebte, konnte der Junge wirklich wahrnehmen, wie tief das Geschöpf unter der Erde saß.
„Hallo, Schlange“, begrüßte Hannibal den Drachen und der schnaubte zur Antwort.
„Es war wirklich nicht einfach dieses Gerät anzufertigen und das halbe Inventar von Meister Igor ist bei seinen Versuchen zu Bruch gegangen … aber er glaubt eine Lösung gefunden zu haben. Erlaubst du mir auf deine Schnauze zu klettern? Du müsstest die Augen schließen und ich versuche dir diese Sehsteine umzubinden.“
Das nächste Schnauben des Drachen lies lange auf sich warten, aber dann ertönte es.
Schlange sagte: „Einverstanden.“
Langsam näherte sie ihre Schnauze dem Jungen, der auf ihrem Flügel stand und ein metallisches Konstrukt aus Ketten und zwei großen, runden Fassungen in den Armen hielt, das beinah so groß war, wie er selbst.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis Hannibal die beiden Sehsteine vor den vernarbten Augenrändern des Drachen platziert hatte. Die Länge des Verbindungsstückes, das über die flache Schnauze lief, musste er vier Mal nachjustieren und letztendlich musste er den gesamten Kopf um klettern, um die Drachenbrille hinter den runden Ohren an den Hörnern zu befestigen.
Dann war der Moment der Wahrheit gekommen.
„Ich glaube es sitzt. Du kannst die Augen aufmachen.“
Die roten Sonnen erschienen in der Dunkelheit, so nah und groß, dass Hannibal von Schwindel erfasst wurde. Augenblicklich kam Bewegung in den Drachen. Ein Ruck durchfuhr seinen Hals und die Hinterläufe kratzen wild über den Schiefer.
Schlange sah ihn an und einen Moment lang stand sein Herz still.
„Hat es funktioniert?“, fragte Hannibal heiser, denn nach dem ersten schreckhaften Zucken war der Drache in eine Starre gefallen.
„Ja. Jetzt kann ich dich sehen.“
Würde sie ihn jetzt fressen?
Der Gedanke war Hannibal schon auf dem Rückweg gekommen. Doch aus irgendwelchen Gründen war diese Angst im Hintergrund geblieben, als wüsste er es schon besser.
Langsam richtete sich Schlange auf. Zum ersten Mal kam sie aus ihrer zusammengekauerten, liegenden Position und Hannibal legte sich bäuchlings auf ihre Schnauze, krallte sich mit aller Kraft an sie. Schiefer bröckelte in Bächen zu ihren Seiten hinab. Der Stein platzte regelrecht auseinander, wenn der Drache ihn streifte. Schlange stand auf den Hinterläufen, so hoch, dass sie nur noch wenige Meter von der Erdoberfläche entfernt waren. Ihr Ei hatte sie mit den Vorderkrallen an sich gepresst. Hannibal schloss die Augen, als das peitschende Geräusch der Drachenflügel ertönte.
Schlange ächzte und bemühte sich eine ganze Weile lange, bevor sie wirklich abhob.
Staub, Hitze und Schieferregen umgaben sie, als sie die Felsspalte verließen und empor flogen.
Der Drache neigte seinen Kopf nach vorn, als sie an der Felskante vorbeiflogen und Hannibal wusste, dass es seine einzige Chance sein würde, abzuspringen.
Er ließ sich fallen und landete schmerzhaft auf seinem Rücken. Dann musste er sich zusammenkugeln und schützend die Hände vor sein Gesicht pressen, so energievoll und hitzig stieg der Drache über ihm in die Lüfte. Schlange schrie.
Ihr Schrei riss beinah seinen Kopf entzwei und beinhaltete all das, was sie nie gesagt hatte.
Ihren Schmerz, ihre Wut, ihre Hoffnung.
„Wird sie es wirklich schaffen, zu den südlichen Vulkanen?“
„Wenn die Drachenbrille funktionier, sicher. Aber ihre eigentliche Mission wird trotzdem nicht gelingen.“
„Wie meint ihr das, Meister?“
„Das Drachenei. Es ist robust, sicher. Aber es kann nicht hundert Jahre ohne vulkanische Hitze überleben. Deine Schlange hat ihr Kind längst verloren.“
„Und … weiß sie das?“
„Sicher weiß sie das.“
Hannibal biss sich so fest auf die Lippe, dass er Blut schmeckte und doch rannen ihm die Tränen unaufhörlich über die staubigen Wangen, als er Schlange nachsah, die mit ihrem Ei gen Süden flog.

© Leslie Meilinger 2019